Nach einem Herzstillstand, rund 30 Minuten Reanimation und zweieinhalb Wochen im Koma musste Marijan Šimičić viele grundlegende Fähigkeiten neu erlernen. Doch die Bewegungen, die er über Jahre in der Kampfkunst trainiert hatte, waren noch da.
Marijan Šimičić in der Sakura Akademie.
Im Oktober 2017 veränderte sich das Leben von Marijan Šimičić innerhalb weniger Augenblicke.
Nach einer schweren Grippe entwickelte er eine Herzmuskelentzündung. Wenig später brach er zu Hause zusammen. Sein Herz hörte auf zu schlagen, seine Frau begann sofort mit der Reanimation. Rund 30 Minuten dauerten die Wiederbelebungsmaßnahmen. Danach lag Šimičić etwa zweieinhalb Wochen im Koma.
Als er wieder zu sich kam, war vieles nicht mehr selbstverständlich.
„Eigentlich war alles weg.“
Lesen, Schreiben und Rechnen mussten neu erlernt werden. Gleichzeitig machte Šimičić eine Erfahrung, die ihn selbst besonders beeindruckte: Bestimmte Bewegungsabläufe waren weiterhin abrufbar.
WAS GEBLIEBEN WAR
Ein ruhiger Moment in der Akademie.
Nach dem Koma waren nach seinen eigenen Angaben seine kroatische Muttersprache und bestimmte über Jahre trainierte Bewegungsabläufe weiterhin vorhanden. Er konnte vertraute Formen ausführen und spürte, ob eine Bewegung für ihn korrekt war.
„Das war schon krass: Der Körper erinnert sich an etwas.“
Diese persönliche Erfahrung wurde zu einem zentralen Thema des Gesprächs von Šimičić mit Thomas Stüber und Dennis Ungefehr, den Hosts des Sport-Podcasts Beyond the Play.
Dabei geht es nicht darum, aus einer individuellen Erfahrung eine allgemeine medizinische Regel abzuleiten. Interessant ist vielmehr die Perspektive eines Kampfkünstlers: Was bleibt von jahrelangem Training, wenn andere Fähigkeiten plötzlich neu aufgebaut werden müssen?
Bewegungen werden in der Kampfkunst nicht einmal, sondern tausendfach wiederholt. Technik wird korrigiert, verfeinert und erneut ausgeführt. Mit den Jahren können Bewegungsabläufe zunehmend automatisiert werden.
Für Šimičić wurde diese Erfahrung nach dem Koma zu einem besonders eindrücklichen Teil seiner Geschichte.
DER KAMPF ZURÜCK
Besonders emotional wird das Gespräch, als Šimičić über die Zeit nach dem Koma und den Moment spricht, in dem er sich an seine Frau erinnerte.
„Das war der emotionalste Moment meines Lebens. Danach kam das Zurückkämpfen.“
Es begann ein langer Weg zurück in einen selbstbestimmten Alltag.
In den Materialien von Beyond the Play werden drei wichtige Stützen hervorgehoben: Sport und Bewegung, Resilienz und Familie.
Für einen Kampfkünstler ist dieser Gedanke unmittelbar verständlich.
Training bedeutet Wiederholung. Eine Technik funktioniert zunächst nicht. Sie wird erneut versucht, korrigiert und wiederholt.
Auch Rehabilitation besteht aus solchen kleinen Schritten.
Was heute noch nicht gelingt, wird morgen erneut versucht.
DER WEG IN DER KAMPFKUNST
Jahrzehnte des Trainings: Marijan Šimičić vor den Auszeichnungen der Sakura Akademie.
Šimičić begann 1986 mit klassischem Boxen und wechselte 1990 zum Karate. Seit 2002 liegt sein Schwerpunkt in der Kampfkunst Wing Tchun. Heute ist er Gründer und Leiter der Sakura Akademie.
Die offizielle Biografie der Sakura Akademie beschreibt ihn außerdem als Ausbilder im Wing Tchun, in Selbstverteidigung, Gewaltprävention und im Kinderprogramm „Kleine Tigerfaust“.
Damit wird deutlich: Die Kampfkunst begleitet Šimičić nicht nur als Sport. Sie ist über Jahrzehnte zu einem wesentlichen Bestandteil seines Lebens geworden.
MEHR ALS WETTKAMPF
Heute arbeitet Šimičić mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen. Im Mittelpunkt stehen Kampfsport, Selbstverteidigung, Selbstbewusstsein und Resilienz.
Dabei geht es nicht allein darum, kämpfen zu können.
Die Arbeit der Sakura Akademie verbindet Kampfkunst mit Selbstbehauptung und Gewaltprävention. Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Arbeit mit Kindern. In den Materialien zur „Kleinen Tigerfaust“ werden unter anderem Selbstbehauptung, Aufmerksamkeit und der Umgang mit Gewalt thematisiert.
Ein Grundsatz von Šimičić lautet:
„Wir sind alle gleich viel wert.“
Damit erhält seine persönliche Geschichte eine weitere Dimension.
Was er selbst auf einem außergewöhnlich schwierigen Weg erfahren hat, gibt er heute an andere Menschen weiter.
Kampfkunst wird dabei nicht auf den Wettkampf reduziert.
Sie wird zu einem Werkzeug für Selbstbehauptung, Aufmerksamkeit und persönliche Entwicklung.
WAS VOM TRAINING BLEIBT
Im Hintergrund: Medaillen und Meisterschaftsgürtel aus dem Umfeld der Sakura Akademie.
In der Welt der Kampfkünste wird Erfolg häufig an Siegen, Wettkämpfen, Graduierungen und Titeln gemessen.
Die Geschichte von Marijan Šimičić eröffnet eine andere Perspektive.
Was bleibt von jahrelangem Training, wenn die vertraute Welt plötzlich nicht mehr da ist?
Es bleiben Erfahrung, Wiederholung, Aufmerksamkeit und ein vertrautes Gefühl für Bewegung.
Šimičić erzählt nicht von Kampfkunst als Wundermittel. Seine Geschichte zeigt vielmehr seine persönliche Erfahrung nach einer schweren medizinischen Krise: Während vieles neu erlernt werden musste, waren bestimmte Bewegungsabläufe weiterhin abrufbar.
Vielleicht liegt genau darin eine besondere Bedeutung von Meisterschaft.
Irgendwann ist eine Technik nicht mehr nur etwas, das man kennt. Durch jahrelange Praxis wird sie zu einem Teil des eigenen Bewegungsverhaltens.
BEYOND THE PLAY
Die Geschichte von Marijan Šimičić ist Thema einer Folge des Sport-Podcasts Beyond the Play mit Thomas Stüber und Dennis Ungefehr.
Der Podcast beschäftigt sich mit den Momenten im Sport, die alles verändern – mit persönlichen Erfahrungen, schwierigen Situationen und der Frage, was Menschen aus solchen Momenten mitnehmen.
Beyond the Play — offizielle Website
Die Folge mit Marijan Šimičić auf YouTube ansehen
QUELLE UND MATERIAL
Dieser Beitrag basiert auf dem Gespräch von Marijan Šimičić mit Beyond the Play sowie den vom Podcast-Team bereitgestellten Pressematerialien. Das Team stellte der Redaktion außerdem hochauflösendes Bildmaterial und zusätzliche Audioausschnitte zur Verfügung.

