Ursprung und wissenschaftlicher Status der Kadochnikov-Schule: Eine Analyse des öffentlich zugänglichen Quellenkorpus
Redaktioneller Hinweis
Der vorliegende Beitrag ist eine quellenbasierte Untersuchung öffentlich zugänglicher Materialien und befasst sich ausschließlich mit dem Verhältnis zwischen praktischer, methodischer und wissenschaftlicher Tätigkeit in der Geschichte der Kadochnikov-Schule. Ziel des Artikels ist es nicht, die persönlichen Eigenschaften, die berufliche Reputation, die praktische Kompetenz oder die historische Bedeutung von Alexei Alexejewitsch Kadochnikov oder Arkadi Alexejewitsch Kadochnikov zu bewerten, sondern die Entstehung und Entwicklung des öffentlich dokumentierten Wissensbestandes zu untersuchen.
Sämtliche Schlussfolgerungen beziehen sich ausschließlich auf den im Rahmen dieser Untersuchung ausgewerteten öffentlich zugänglichen Quellenkorpus. Das Fehlen eines Dokuments in diesem Korpus wird nicht als Beweis dafür verstanden, dass ein solches Dokument niemals existiert hat. Unveröffentlichte Archive, geschlossene institutionelle Bestände, private Sammlungen und andere derzeit nicht zugängliche Materialien liegen außerhalb des Untersuchungsrahmens. Sollten künftig neue Primärquellen verfügbar werden, können einzelne Schlussfolgerungen präzisiert oder revidiert werden.
Die in den redaktionellen Grafiken verwendeten menschlichen Figuren sind schematische Visualisierungen und stellen weder Archivfotografien noch dokumentarische Porträts oder Rekonstruktionen des tatsächlichen Aussehens bestimmter Personen dar. Eine mögliche zufällige Ähnlichkeit ist daher nicht als Darstellung von Alexei oder Arkadi Kadochnikov zu verstehen.
Die Geschichte einer angewandten Schule beginnt nicht zwangsläufig in einem wissenschaftlichen Labor. Eine Praxis kann aus beruflicher Erfahrung, Unterrichtstätigkeit, militärischer Ausbildung oder aus der wiederholten Lösung konkreter praktischer Probleme hervorgehen und erst später theoretisch erklärt, wissenschaftlich beschrieben und akademisch formalisiert werden. Ebenso ist eine entgegengesetzte Entwicklung möglich, bei der zunächst ein wissenschaftliches Problem formuliert wird, daraus ein Forschungsprozess entsteht, neues Wissen gewonnen wird und sich auf dieser Grundlage Theorie, Methodik und schließlich ein praktisches System entwickeln.
Von außen können beide Entwicklungswege zu erstaunlich ähnlichen Ergebnissen führen. Es entstehen Bücher, Ausbildungssysteme, Lehrende, eine eigene Terminologie und eine stabile Gemeinschaft von Praktikern. Aus wissenschaftshistorischer Sicht handelt es sich jedoch um grundsätzlich verschiedene Prozesse, denn die wissenschaftliche Erklärung einer bereits bestehenden Praxis ist nicht gleichbedeutend mit ihrem wissenschaftlichen Ursprung.
Deshalb lässt sich der wissenschaftliche Status einer angewandten Schule nicht allein daran erkennen, wie wissenschaftlich ihre Sprache klingt. Entscheidend ist vielmehr die Herkunft des Wissens und damit die Frage, welches Problem ursprünglich gestellt wurde, was zu diesem Zeitpunkt noch unbekannt war, mit welcher Methode dieses Problem untersucht wurde, welches neue Ergebnis daraus hervorging, wo dieses Ergebnis veröffentlicht wurde, welche Folgen die Forschung für die bestehende Praxis hatte und was schließlich an die nächste Generation weitergegeben wurde.
Aus genau dieser Perspektive untersucht der vorliegende Beitrag den öffentlich zugänglichen Quellenkorpus zu zwei Generationen der Kadochnikov-Schule.
Drei unterschiedliche Entwicklungswege
Für eine wissenschaftshistorische Einordnung müssen mindestens drei verschiedene Beziehungen zwischen Praxis und Wissenschaft unterschieden werden.
Im ersten Fall steht am Anfang ein ungelöstes Problem. Daraus entsteht eine Forschungsfrage, für deren Untersuchung eine geeignete Methode entwickelt wird. Auf dieser Grundlage wird neues Wissen erzeugt, das anschließend theoretisch geordnet und methodisch ausgearbeitet wird. Erst danach können die gewonnenen Ergebnisse in praktische Verfahren, Lehrmaterialien und schließlich in eine Schule überführt werden. In diesem Modell geht die wissenschaftliche Forschung der praktischen Anwendung historisch voraus.
Der zweite Entwicklungsweg beginnt mit einer bereits existierenden Praxis, die später selbst zum Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchung wird. Forschende identifizieren innerhalb dieser Praxis ein Problem, auf das die Tradition keine fertige Antwort besitzt, formulieren eine Hypothese, entwickeln eine Prüfprozedur, sammeln Daten und gewinnen Ergebnisse, die die ursprüngliche Praxis verändern oder präzisieren können. Wenn sich dieser Prozess wiederholen lässt, wenn neues Wissen kumulativ entsteht und wenn die zugrunde liegenden Methoden an andere Forschende weitergegeben werden können, kann sich daraus ein eigenständiges Forschungsprogramm entwickeln.
Der dritte Entwicklungsweg nimmt wiederum einen anderen Ausgangspunkt. Zunächst besteht eine Praxis, aus der sich im Laufe der Zeit ein System und später eine Schule entwickelt. Es entstehen Lehrbücher, methodische Materialien und eine eigene Fachsprache, bevor die bereits vorhandenen technischen Lösungen nachträglich mit Begriffen aus Mechanik, Biomechanik, Pädagogik oder anderen wissenschaftlichen Disziplinen erklärt werden.
Für diesen Verlauf verwendet die vorliegende Untersuchung den Arbeitsbegriff „nachträgliche Akademisierung“. Dieser Begriff ist ausdrücklich nicht als negative Bewertung gemeint, denn eine praktische Schule, die außerhalb der akademischen Wissenschaft entstanden ist, kann später durchaus zum Gegenstand eines eigenständigen wissenschaftlichen Forschungsprogramms werden. Die entscheidende Grenze verläuft deshalb nicht zwischen den Begriffen „Praxis“ und „Wissenschaft“, sondern zwischen zwei unterschiedlichen Funktionen wissenschaftlicher Arbeit: der wissenschaftlichen Erklärung bereits bekannter Phänomene und der Erzeugung neuen, überprüfbaren Wissens.

Was der offene Quellenkorpus zu Alexei Kadochnikov zeigt
Innerhalb des untersuchten öffentlich zugänglichen Materials lässt sich die Tätigkeit von Alexei Alexejewitsch Kadochnikov vor allem als praktische, lehrende und methodische Tätigkeit gut dokumentieren. Es existiert ein Buchkorpus, die Verwendung wissenschaftlich-technischer Terminologie ist deutlich ausgeprägt, und praktische Handlungen werden regelmäßig unter Rückgriff auf Begriffe aus Mechanik und anderen wissenschaftlichen Bereichen erläutert.
Diese Befunde sind an sich bereits relevant, weil sie dagegen sprechen, die Kadochnikov-Schule lediglich als mündliche Tradition oder als Folge einzelner Demonstrationen zu betrachten. Der öffentlich zugängliche Bestand zeigt vielmehr ein strukturiertes praktisches und methodisches System mit einer eigenen Sprache der Vermittlung und einer ausgeprägten Form der Systematisierung.
Die Forschungsfrage dieses Artikels ist jedoch enger gefasst. Untersucht wurde nicht, ob wissenschaftliche Begriffe verwendet werden, sondern ob sich anhand der zugänglichen Quellen ein eigenständiges und systematisches wissenschaftliches Forschungsprogramm rekonstruieren lässt, in dem eine nachvollziehbare Folge von Problemstellung, Methode, Untersuchungsmaterial, Analyse, neuem Ergebnis, Veröffentlichung und anschließender Forschung erkennbar wird.
Im Rahmen der durchgeführten Recherche konnte für die erste Generation kein entsprechender kontinuierlicher Forschungskorpus festgestellt werden. Damit ist der praktische, pädagogische und methodische Status von Alexei Kadochnikov wesentlich besser dokumentiert als seine Rolle als Leiter eines öffentlich nachvollziehbaren langfristigen wissenschaftlichen Forschungsprogramms.
Diese Unterscheidung ist von zentraler Bedeutung, weil es sich um zwei verschiedene historische Aussagen handelt, ob eine bereits bestehende technische Praxis mithilfe wissenschaftlichen Wissens erklärt wird oder ob das technische System selbst als Ergebnis eines wissenschaftlichen Forschungsprozesses entstanden ist.
Warum ein negatives Rechercheergebnis keine absolute Aussage erlaubt
Jede bibliografische Recherche hat Grenzen, weshalb aus dem Umstand, dass ein bestimmtes Dokument im öffentlich zugänglichen Quellenkorpus nicht gefunden werden konnte, nicht geschlossen werden darf, dass dieses Dokument niemals existiert hat. Es können nicht digitalisierte Veröffentlichungen, kleinere Auflagen, institutionelle oder private Archive sowie Materialien existieren, die in modernen elektronischen Katalogen bislang nicht erfasst wurden.
Die korrekte Schlussfolgerung lautet deshalb nicht, dass es keine Forschung gegeben habe, sondern wesentlich präziser, dass im untersuchten öffentlich zugänglichen Quellenkorpus für die erste Generation kein systematisches wissenschaftliches Forschungsprogramm rekonstruiert werden konnte.
Auch die spätere Entdeckung eines einzelnen bislang unbekannten Fachartikels würde daran nicht automatisch etwas ändern. Zunächst müsste geklärt werden, welchen Inhalt diese Veröffentlichung besitzt, welche Methode eingesetzt wurde, welches neue Ergebnis daraus hervorging, an welcher Stelle sie in der Chronologie steht und ob sich daraus eine weitere Forschungslinie entwickelte.
Eine einzelne wissenschaftliche Veröffentlichung und ein reproduzierbares Forschungsprogramm stellen wissenschaftshistorisch unterschiedliche Größen dar und dürfen deshalb nicht miteinander gleichgesetzt werden.

Warum Geheimhaltung keine universelle Erklärung liefert
Ein Teil der Geschichte angewandter Systeme kann durchaus mit geschlossener militärischer oder institutioneller Tätigkeit verbunden sein. Wurde eine bestimmte Arbeit in einem nichtöffentlichen institutionellen Umfeld durchgeführt, ist das Fehlen einer offenen Veröffentlichung zu genau diesem Projekt selbstverständlich kein Argument gegen dessen Qualität.
Die Geheimhaltung einer einzelnen Entwicklung und die Existenz gewöhnlicher akademischer Tätigkeit sind jedoch voneinander unabhängige Fragen. Aus diesem Grund wurde die Recherche nicht auf Veröffentlichungen beschränkt, die ausdrücklich dem Kadochnikov-System gewidmet sind. Ein wissenschaftlicher Publikationsweg hätte grundsätzlich auch in angrenzenden offenen Fachgebieten auftreten können, etwa in Mechanik, Pädagogik, Körperausbildung, Trainingsmethodik oder Biomechanik.
Der vorliegende Beitrag macht daher keine Aussagen über den Inhalt nicht zugänglicher institutioneller Entwicklungen und verwendet weder deren vermutete Existenz noch deren vermutetes Fehlen als Beweis. Untersucht wird ausschließlich der wissenschaftliche Nachweis, der in offenen Quellen unabhängig gefunden und überprüft werden kann.
Warum Titel die Frage ebenfalls nicht entscheiden
Ein ähnliches Problem entsteht beim Umgang mit akademischen oder beruflichen Titeln. Eine Person kann einen Ehrentitel tragen, eine Lehrposition innehaben, Mitglied einer nichtstaatlichen Akademie sein oder innerhalb einer Fachgemeinschaft einen besonderen Status besitzen. Jeder dieser Sachverhalte kann biografisch relevant sein und muss gegebenenfalls separat untersucht werden, doch keiner von ihnen ersetzt das wissenschaftliche Produkt selbst.
Aus diesem Grund arbeitet die Untersuchung weder mit der Formel „Professor, also Wissenschaftler“ noch mit der gegenteiligen Behauptung, das Fehlen eines bestimmten staatlich anerkannten Titels schließe wissenschaftliche Tätigkeit automatisch aus. Das entscheidende Kriterium bleibt vielmehr die beobachtbare Forschungstätigkeit und das daraus hervorgegangene Ergebnis.
Die zweite Generation: der Fall Arkadi Kadochnikov
Arkadi Alexejewitsch Kadochnikov stellt für die Untersuchung einen besonders interessanten Fall dar, weil sich an ihm die Weiterentwicklung einer bereits etablierten praktischen Schule beobachten lässt. Er übernimmt ein bestehendes System, arbeitet innerhalb einer bereits entwickelten Erklärungssprache, ist in der Vermittlung tätig und wirkt an Lehr- und methodischen Materialien mit.
Gleichzeitig findet sich in seiner Publikationsbiografie eine wissenschaftliche Zeitschriftenveröffentlichung. Im öffentlich zugänglichen Bestand wurde ein Artikel aus dem Jahr 2023 identifiziert, der sich mit der Entwicklung der statokinetischen Stabilität von Kadetten durch Elemente der Bodenakrobatik befasst und in der Zeitschrift „Psychologische und pädagogische Probleme der Sicherheit von Mensch und Gesellschaft“ erschienen ist. A. A. Kadochnikov wird dort als Mitautor genannt.
Die Bedeutung dieses Dokuments liegt zunächst in einem klaren Befund, denn es belegt die Beteiligung eines Vertreters der zweiten Generation an wissenschaftlicher Publikationstätigkeit. In der Arbeit wird ein konkretes Forschungsproblem formuliert, Elemente bestehender Praxis werden auf dieses Problem angewendet, es wird ein pädagogisch-physisches Experiment eingesetzt, und die Anwendbarkeit der untersuchten Elemente wird bewertet.
Aus einer einzelnen Veröffentlichung lässt sich jedoch noch kein langfristiges eigenständiges Forschungsprogramm ableiten, und noch weniger kann daraus automatisch auf eine kontinuierliche Übertragung eines solchen Programms von der ersten auf die zweite Generation geschlossen werden. Dafür wäre eine Serie zusammenhängender Untersuchungen erforderlich, bei der das Ergebnis einer Studie zur Ausgangsbasis für die nächste Forschungsfrage, die nächste Methode und ein weiteres neues Ergebnis wird.
Die im offenen Quellenkorpus erkennbare Chronologie ist daher vorsichtiger zu formulieren. Die praktische und methodische Schule entstand früher, während klar erkennbare akademische Publikationstätigkeit der zweiten Generation wesentlich später erscheint.
Gerade deshalb ist die weitere Entwicklung der Schule wissenschaftshistorisch interessant. Sollte sich künftig eine stabile Reihe eigener Untersuchungen mit Hypothesen, experimentellen Programmen, Veröffentlichungen und neuen Ergebnissen herausbilden, die wiederum auf die bestehende Praxis zurückwirken, würde dies einen Übergang von der akademischen Beschreibung zur eigenständigen wissenschaftlichen Entwicklung der Praxis anzeigen.

Praktische Kontinuität und wissenschaftliche Kontinuität sind nicht dasselbe
Der Vergleich beider Generationen zeigt mehrere unterschiedliche Formen von Kontinuität. Praktische Tätigkeit ist für beide Generationen dokumentiert, und auch Unterricht sowie methodische Vermittlung sind deutlich erkennbar. Lehrmaterialien und ein Buchkorpus sind vorhanden, während wissenschaftlich-technische Terminologie in der Erklärung des Systems eine sichtbare Rolle spielt.
Nicht rekonstruiert werden konnte hingegen eine kontinuierliche Folge wissenschaftlicher Zeitschriftenforschung, die von der ersten zur zweiten Generation übertragen wurde. Für Arkadi Kadochnikov konnte die Beteiligung an einer wissenschaftlichen Zeitschriftenpublikation festgestellt werden, doch der zugängliche Bestand erlaubt bislang nicht die Rekonstruktion eines eigenständigen, langfristigen publizierten Forschungsprogramms oder dessen Weitergabe aus der ersten Generation.
Am deutlichsten dokumentiert ist daher die praktische und methodische Kontinuität. Diese Schlussfolgerung sagt nichts über die praktische Wirksamkeit des Systems aus und stellt keine Bewertung der beruflichen Fähigkeiten seiner Vertreter dar. Sie beantwortet vielmehr die Frage, welche Form von Kontinuität sich anhand der zugänglichen Quellen tatsächlich nachweisen lässt.

Welche Belege könnten diese Schlussfolgerung verändern?
Eine wissenschaftliche Schlussfolgerung muss grundsätzlich revidierbar bleiben. Die vorliegende Einschätzung müsste wesentlich verändert werden, wenn ein früher Forschungskorpus von Alexei Kadochnikov entdeckt würde, anhand dessen sich eine stabile Abfolge von Problemstellung, Methode, Untersuchungsmaterial, Analyse, neuem Ergebnis, Veröffentlichung und weiterer Forschung rekonstruieren ließe.
Besonders relevante Nachweise wären eine Reihe zusammenhängender wissenschaftlicher Fachartikel, Forschungsberichte mit nachvollziehbarer Methodik, dokumentierte Experimente, eigenständige wissenschaftliche Modelle sowie Veröffentlichungen, die neue Ergebnisse hervorbringen und nicht lediglich bekannte wissenschaftliche Gesetze auf eine bereits bestehende Praxis anwenden.
Noch stärker wäre der Nachweis einer generationenübergreifenden Forschungskette, in der ein Ergebnis der ersten Generation zur Forschungsfrage oder Methode der zweiten Generation wird und daraus wiederum ein neues Ergebnis entsteht. In einem solchen Fall wäre nicht nur individuelle wissenschaftliche Tätigkeit dokumentiert, sondern die Übertragung eines Forschungsprogramms selbst.
Im untersuchten offenen Quellenkorpus konnte eine solche Abfolge bislang nicht festgestellt werden.
Was verstehen wir unter einem wissenschaftlichen Forschungsprogramm?
Um verschiedene Tätigkeitsformen nicht miteinander zu vermischen, müssen die Kriterien klar benannt werden, nach denen eine Praxis zum Gegenstand systematischer wissenschaftlicher Forschung wird.
Im Rahmen dieser Untersuchung setzt ein Forschungsprogramm zunächst ein Problem voraus, auf das innerhalb der bestehenden Tradition noch keine fertige Antwort vorliegt. Hinzu kommt eine Methode, mit der dieses Problem untersucht werden kann. Die Untersuchung muss zu einem Ergebnis führen, das vor der Forschung nicht bereits in fertiger Form vorhanden war, und dieses Ergebnis muss so veröffentlicht oder dokumentiert werden, dass andere Forschende es prüfen, kritisieren oder weiterentwickeln können.
Schließlich ist eine Form der Kontinuität erforderlich, bei der der nächsten Generation nicht nur fertiges Wissen übergeben wird, sondern auch Forschungsfragen, Methoden und Kriterien der Überprüfung. Gerade dieses letzte Merkmal ist entscheidend, weil eine wissenschaftliche Schule nicht nur bereits vorhandenes Wissen bewahren, sondern auch die Fähigkeit erhalten muss, neues Wissen hervorzubringen.
Arbeitsdefinition einer wissenschaftlichen Schule
Auf dieser Grundlage verwendet die Untersuchung folgende Arbeitsdefinition: Eine wissenschaftliche Schule ist ein generationenübergreifendes System zur Erzeugung, Überprüfung, Systematisierung und Weitergabe neuen Wissens, in dem der nächsten Generation nicht nur Ergebnisse, sondern auch Forschungsprobleme, Methoden, Prüfkriterien und die Fähigkeit zur Revision der eigenen Ausgangsannahmen übertragen werden.
Diese Definition ermöglicht es, zwischen einer praktischen Schule, einer methodischen Schule, einer wissenschaftlich erklärten praktischen Methode, einer akademisierten praktischen Tradition und einer wissenschaftlichen Schule zu unterscheiden, ohne diese unterschiedlichen Formen der Wissensorganisation miteinander zu vermischen.
Entscheidend ist dabei die Unterscheidung zwischen der Nutzung von Wissenschaft und der Produktion wissenschaftlichen Wissens. Im ersten Fall werden bereits vorhandene wissenschaftliche Gesetze, Modelle und Begriffe genutzt, um eine bestehende Praxis zu interpretieren. Im zweiten Fall wird die Praxis selbst zum Untersuchungsgegenstand und erzeugt durch Forschung zuvor nicht verfügbares, überprüfbares Wissen.
Das zentrale empirische Ergebnis
Die zentrale Aussage der Untersuchung lautet ausdrücklich nicht, dass die Kadochnikov-Schule „unwissenschaftlich“ sei, denn eine solche Formulierung wäre zu pauschal und methodisch wenig hilfreich.
Das Ergebnis ist wesentlich präziser. Im untersuchten öffentlich zugänglichen Quellenkorpus sind die praktische, pädagogische und methodische Kontinuität der Kadochnikov-Schule wesentlich umfassender dokumentiert als ein kontinuierliches generationenübergreifendes wissenschaftliches Forschungsprogramm. Wissenschaftlich-technische Sprache ist im Quellenkorpus früher sichtbar als eine deutlich erkennbare gewöhnliche akademische Publikationstätigkeit der zweiten Generation.
Für genau diese historische Abfolge wird in der vorliegenden Arbeit der Arbeitsbegriff „nachträgliche Akademisierung“ verwendet. Praxis und Schule bestehen bereits, bevor eine vollständige akademische Form sichtbar wird, während wissenschaftliche Begriffe zunächst vor allem dazu dienen, bereits vorhandenes technisches Wissen zu beschreiben, zu erklären und zu systematisieren.
Diese Entwicklung muss jedoch keineswegs an diesem Punkt enden. Eine praktische Schule kann sich zu einem vollwertigen wissenschaftlichen Forschungsprogramm entwickeln, sobald Wissenschaft nicht mehr nur bekannte Handlungen erklärt, sondern Fragen formuliert, auf die die Tradition selbst noch keine Antworten besitzt, Hypothesen überprüft und Ergebnisse hervorbringt, die die ursprüngliche Praxis verändern können.

Warum diese Frage weit über eine einzelne Kampfkunstschule hinausreicht
Das hier verwendete Analysemodell ist keineswegs auf die Geschichte des Nahkampfs beschränkt. Dasselbe Problem tritt bei der Untersuchung psychologischer Schulen, psychotherapeutischer Richtungen, pädagogischer Methoden, Sportsysteme, proprietärer Trainingsverfahren, Managementkonzepte, medizinischer Praktiken und anderer angewandter Traditionen auf.
In all diesen Fällen muss zunächst geklärt werden, ob die Praxis selbst, ihre wissenschaftliche Untersuchung oder ihre spätere akademische Formalisierung zuerst entstand. Anschließend stellt sich die weiterführende Frage, ab welchem Punkt Wissenschaft nicht mehr nur eine bestehende Praxis erklärte, sondern neues überprüfbares Wissen erzeugte, das diese Praxis tatsächlich verändern konnte.
Mit dieser Fragestellung wird die einfache Auseinandersetzung darüber, ob eine Schule „wissenschaftlich“ oder „unwissenschaftlich“ sei, durch eine präzisere Untersuchung ihrer tatsächlichen Wissensgeschichte ersetzt.
Schlussfolgerung
Die Geschichte eines praktischen Systems und die Geschichte der Wissenschaft, die dieses System später beschreibt, müssen nicht identisch sein. Der wissenschaftliche Status einer angewandten Schule lässt sich deshalb weder allein aus ihrer Terminologie noch aus der Existenz von Lehrbüchern, einer großen Zahl von Anhängern oder einer akademischen Präsentationsform ableiten.
Entscheidend ist die Herkunft des Wissens und damit die Rekonstruktion des Weges, auf dem aus einer Fragestellung eine Untersuchung, aus einer Untersuchung ein Ergebnis und aus einem Ergebnis gegebenenfalls eine neue wissenschaftliche Problemstellung entstanden ist. Ebenso wichtig ist die Frage, was an die nächste Generation weitergegeben wurde: ein fertiger Bestand an Antworten oder ein Verfahren, mit dem weitere Antworten erzeugt werden können.
Diese Kriterien erlauben es, die Verwendung wissenschaftlichen Wissens von der eigenständigen Produktion neuen Wissens zu unterscheiden.
Im Fall der beiden untersuchten Generationen der Kadochnikov-Schule zeigt der offene Quellenkorpus eine deutlich nachvollziehbarere Geschichte praktischer und methodischer Kontinuität als eine kontinuierliche Weitergabe eines eigenständigen wissenschaftlichen Forschungsprogramms. Gleichzeitig zeigt die wissenschaftliche Publikationstätigkeit der zweiten Generation, dass eine praktische Tradition sehr wohl zum Gegenstand akademischer Forschung werden und sich in diese Richtung weiterentwickeln kann.
Die zentrale Frage lautet deshalb nicht, ob die Schule pauschal als „wissenschaftlich“ oder „unwissenschaftlich“ bezeichnet werden soll. Wissenschaftshistorisch wesentlich präziser ist die Unterscheidung zwischen der Aussage, dass Wissenschaft das praktische System hervorgebracht habe, und der Aussage, dass Wissenschaft später damit begonnen habe, ein bereits existierendes praktisches System zu erklären und zu untersuchen.
Erst die Trennung dieser beiden Entwicklungswege ermöglicht es, die Geschichte einer Schule präzise zu rekonstruieren und jenen Punkt zu bestimmen, an dem die Erklärung bestehender Praxis in die eigenständige Produktion neuen, überprüfbaren Wissens übergeht.




